Oft Nachgefragtes

(FAQ- Frequently Asked Questions- Oft gestellte Fragen)

Wahrnehmungsverarbeitungsstörungen

Viele Menschen kennen heute so manches Phänomen der Naturwissenschaften und deren Hauptgedanken. Nur wenigen ist jedoch bewusst, dass hinter unserem Eindruck von der Welt eine ganz erstaunliche Leistung steckt: Die Prozesse der Aufnahme von Sinnesreizen (Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tasten), der Übertragung ins Gehirn und schließlich der Verarbeitung in entsprechende Reaktionen und Handlungen.
Ist dieser Prozess gestört, so spricht man nach den gegenwärtigen neurophysiologischen Erkenntnissen von Wahrnehmungsverarbeitungsstörungen.

Diese Beeinträchtigungen können also die Aufnahme, die Verarbeitung und die Reaktion auf Sinnesreize in den Bereichen Sensorik, Motorik, Sprachen und Verhalten betreffen. Sie können sich im Lernen als Teilleistungsschwäche und im Verhalten als emotionale Störung oder auch als allgemeine Entwicklungsverzögerungen darstellen.

An neurophysiologischen Beeinträchtigungen können sowohl neurologische als auch psychologische Ursachen beteiligt sein, u. U. mit wechselseitigen Auswirkungen aufeinander. Daher ist oft auch nicht genau zu diagnostizieren, was der primäre, was der sekundäre Anteil an der Wahrnehmungsverarbeitungsstörung ist. Eine Wahrnehmungsverarbeitungsstörung kann zu sekundären emotionalen Störungen führen, und umgekehrt kann es aufgrund emotionaler Störungen zu Beeinträchtigungen der Wahrnehmungsverarbeitung kommen. So vielfältig wie die Ursachen, sind auch die Auswirkungen. Man weiß heute, dass z. B. zerebrale Schädigungen, Stoffwechselstörungen, Hyper-Hypoaktivität u. a. m. in enger Beziehung zur Wahrnehmungsverarbeitung stehen, und dass auch hier Wechselwirkungen zueinander bestehen.

Wenn Wahrnehmungsverarbeitungsstörungen hier unter dem interdiszplinären Ansatz der Neuropsychologie betrachtet werden, muss auch das therapeutische Konzept ein interdisziplinäres sein. Es umfasst medizinische, psychologische und pädagogische Anteile und bezieht bewährte Konzepte wie die von Affolter, Ayres, Frostig, Kephart, Kiphard und Montessori aber auch Psychomotorik und Psychotherapie mit ein. Alle an der Erziehung und Betreuung eines Kindes Beteiligten müssen sensibilisiert werden auf die - wie Frostig es ausdrückt - b esonderen Bedürfnisse eines Kindes. Eine interdisziplinäre und vernetzte Zusammenarbeit der verschiedenen Fachrichtungen und Personen, die am Entwicklungsprozess des Kindes beteiligt sind, wie Eltern, Pädagogen, Psychologen und Mediziner ist erforderlich, um ein wahrnehmungsverarbeitungsgestörtes Kind zu fördern und zu behandeln. Alle diese Anstrengungen lohnen der Mühe - ebenfalls im Sinne von Frostig: Jedes Kind ist etwas ganz Besonderes. Der Verein zur Förderung wahrnehmungsgestörter Kinder e.V. bietet ein breites Spektrum an therapeutischen Maßnahmen sowie ein umfangreiches Programm an Fortbildungsmöglichkeiten für Betroffene und Fachpersonal.
 

Wahrnehmung und Bewegung

Wahrnehmung und Bewegung sind die Grundlage unserer Entwicklung. Wahrnehmungsverarbeitung bedeutet Anpassung an die Unwelt und deren Nutzung. Daraus entwickelt sich als Konsequenz (Reaktion) bei dem Kind ein angepasstes und adäquates Verhaltensmuster auf die Umwelt also ICH und die WELT - die WELT und ICH.
Wissenschaftliche Grundlagen werden in unterschiedlicher Weise benannt und meinen doch mehr oder weniger dasselbe: Piaget nennt dies "sensuomotorische Entwicklung". Affolter meint, dass die taktil-kinesthetische Wahrnehmung, d.h. "Spürerfahrungen", die Wurzel aller Lern- und Interaktionsprozesse sind. Ayres spricht von "Sensorischer Integration", Frostig sieht "sensorische Entwicklung" als Grundlage einer ganzheitlich- integrativen Persönlichkeitsbildung.
 

Wahrnehmungsverarbeitung

Eine gute Wahrnehmungsverarbeitung ist die Grundlage aller Lern- und Interaktionsprozesse. Bei Wahrnehmungsverarbeitungsstörungen kann es sich um Beeinträchtigungen in der Aufnahme - der Speicherung - der Verarbeitung von Umweltreizen, sowie die Reaktion darauf handeln. Wahrnehmungsverarbeitungsstörungen können auf verschiedenen Ebenen der Hirnorganisation auftreten.
Wahrnehmungsverarbeitungsstörungen können also sehr unterschiedliche und mannigfaltige Ursachen haben. Ihre Ausmaße sind individuell verschiedene Verhaltensauffälligkeiten, Lern- und Leistungsstörungen bis hin zu schweren psychischen Störungen können die Folge sein. Gezielte frühe basale Förderung ist notwendig, um später Lern- und Leistungsstörungen zu verhindern und eine adäquate Anpassungsleistung an das Leben zu ermöglichen.
 

Wie verhalten sich wahrnehmungsgestörte Kinder?

Manche Kinder sind immer in Bewegung, haben eine schlechte Eigensteuerung, sind impulsiv, unaufmerksam, haben wenig Risikoeinschätzung, sind häufig nicht zielgerichtet in ihren Handlungen oder taktil- abwehrend.
Manche Kinder sind langsam, schwer zu aktivieren, brauchen stärkere Reize um überhaupt zu reagieren. Sind eher traurig oder ernst und zurückgezogen. Tagträumer.
Manche Kinder sind recht schmerzunempfindlich, haben wenig Eigenmotivation, benötigen viel Aussensteuerung um ihre eigene Antriebslosigkeit zu überwinden.
Manche Kinder haben Schwierigkeiten sich in Gruppen einzugliedern oder adäquat zu verhalten. Sie haben Schwierigkeiten zuzuhören oder zuzuschauen, Regeln zu befolgen - sie sind aggressiv- bossig oder ziehen sich zurück und sind eigenbrötlerisch.
Im schulischen Bereich zeigen sie häufig Teilleistungsstörungen in Form von Lese-, Rechtschreibstörungen oder Rechenstörungen oder Aufmerksamkeits- Konzentrationsstörungen. Grafomotorische Probleme sind häufig ebenso Ganzkörperkoordinationsprobleme. Aggressives Verhalten und/ oder trauriges, zurückgezogenes Verhalten sind zu beobachten. Die Träumerliese, der Zappelphillip, der Angsthase oder der Draufgänger sind typisch für Kinder mit Wahrnehmungsverarbeitungsstörung.
 

Was kann man tun?

Das Angebot der Wahrnehmungsförderung kann früh - direkt nach der Geburt - beginnen. Welche Therapiemethode die "beste" Fördermöglichkeit für das Kind darstellt, ist abhängig vom Entwicklungsstand, dem Alter, als auch dem Beeinträchtigungsgrad des Kindes. Um zu einer ganzheitlichen- integrativen Förderung zu gelangen, muss eine umfassende Diagnostik, d. h. eine Entwicklungsstatuserhebung sowohl vom Kinderarzt und/ oder Psychologen durchgeführt werden.
Eine interdisziplinäre Zusammenarbeit ist und sollte Grundlage einer adäquaten Hilfe und Förderung von wahrnehmungsverarbeitungsgestörten Kinder sein.
Das Förderangebot muss auf die Verarbeitungsstörung des Kindes individuell ausgerichtet sein.